Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Geschichte · 18 min

Görbersdorf 1854 — Hermann Brehmer und die Erfindung des Sanatoriums

Hermann Brehmers "Heilanstalt für Lungenkranke" in Görbersdorf gilt als Geburtsort des modernen Sanatoriums. Eine Spurensuche nach den medizinischen, sozialen und architektonischen Wurzeln einer Institution.

In der niederschlesischen Ortschaft Sokołowsko, dem ehemaligen Görbersdorf, steht seit 2019 ein Restaurierungsgerüst um das Hauptgebäude der ehemaligen Brehmerschen Heilanstalt. Was dort restauriert wird, ist nicht nur ein Bau, sondern das Sanatorium als typologische Form selbst — denn an genau diesem Ort, am 9. November 1854, eröffnete Hermann Brehmer (1826–1889) seine „Heilanstalt für Lungenkranke”, den Bau, der als erstes neuzeitliches Sanatorium gilt und der den medizinischen, architektonischen und sozialen Code einer Institution prägte, die das 19. und 20. Jahrhundert mitformte.

Tuberkulose 1854 — eine Epidemiologie

Wer Brehmers Werk verstehen will, muss zunächst die epidemiologische Lage seiner Zeit verstehen. In den deutschen Staaten der 1850er-Jahre starben pro Jahr etwa 250 von 100.000 Einwohnern an Tuberkulose — die Schwindsucht, wie sie damals genannt wurde, war die häufigste Todesursache überhaupt, weit vor Cholera, Typhus oder Pocken. In den industriellen Ballungsräumen lag die Sterblichkeit doppelt so hoch; in den Mietskasernen Berlins, Wiens und Schlesiens war ein Drittel aller Sterbefälle in der Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen auf die Lungenschwindsucht zurückzuführen.

Robert Kochs Entdeckung des Mycobacterium tuberculosis als Erreger lag noch 28 Jahre in der Zukunft — Kochs Vortrag vor der Berliner Physiologischen Gesellschaft datiert auf den 24. März 1882. Die medizinische Theorie der Tuberkulose war 1854 von tiefer Unsicherheit geprägt: konkurrierende Schulen vertraten miasmatische, hereditäre, konstitutionelle und (vereinzelt) kontagionistische Erklärungen. Eine spezifische Therapie existierte nicht; die Schulmedizin verschrieb Quecksilber, Aderlässe und Lebertran, wobei kein dieser Ansätze über die Symptomlinderung hinausgehende Wirksamkeit zeigte.

In dieser Situation traten ab den 1830er-Jahren naturheilkundliche und hygienische Konzepte in den Vordergrund, die der Schulmedizin entweder skeptisch oder offen ablehnend gegenüberstanden — Sebastian Kneipps Wassertherapie und Vincent Priessnitz’ (1799–1851) Hydrotherapie in Gräfenberg waren prominente Beispiele.

Hermann Brehmer — Werdegang eines Sanatoriumsgründers

Hermann Brehmer wurde am 14. August 1826 in Kurtsch in Niederschlesien geboren. Sein medizinischer Werdegang führte ihn an die Universität Berlin, wo er bei Johann Lukas Schönlein studierte und 1853 mit der Dissertation „De legibus initio et progressu phthiseos pulmonalis” (Über die Gesetzmäßigkeiten des Beginns und des Fortschreitens der Lungenschwindsucht) promoviert wurde. Die Dissertation enthielt bereits die These, die Brehmers spätere Heilanstalt begründen sollte: dass die Tuberkulose in einer frühen Phase grundsätzlich heilbar sei, sofern sie in einem geeigneten Klima und unter geeigneten hygienischen Bedingungen behandelt werde.

Brehmer war beeinflusst von Schönleins klinischer Schule, von Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836) und dessen 1796 publizierter „Makrobiotik”, die ein systematisches Programm zur Verlängerung des menschlichen Lebens durch Lebensführung entwarf, sowie — nicht zuletzt — von den hydrotherapeutischen Erfahrungen aus Gräfenberg, das in den 1830er- und 1840er-Jahren ein internationales Kurzentrum gewesen war.

Den Ort Görbersdorf wählte Brehmer nach einer systematischen Klimasuche im niederschlesischen Riesengebirge: 561 Meter über dem Meeresspiegel, von Mischwäldern umgeben, mit einer aus seiner Sicht günstigen relativen Luftfeuchte und einem deutlichen Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht. Ob diese Klimafaktoren die behauptete therapeutische Wirkung tatsächlich entfalteten, ist auch im Rückblick umstritten. Was sich allerdings dokumentieren lässt, sind die Behandlungserfolge der ersten zehn Betriebsjahre: Von den 1.184 zwischen 1854 und 1864 in Görbersdorf behandelten Patienten kehrten nach Brehmers eigener Statistik 38 Prozent in einem klinisch verbesserten Zustand zurück — eine Quote, die für eine zuvor als unheilbar geltende Erkrankung dramatisch wirkte.

Das therapeutische Konzept — vier Komponenten

Brehmers Konzept lässt sich auf vier Komponenten verdichten, die in dieser Kombination tatsächlich neu waren und die das Sanatorium als Typus begründeten:

Erstens die Höhenlage. Brehmer war überzeugt, dass die in der Höhe verdünnte Luft eine kompensatorische Lungentätigkeit anrege, die zur Vernarbung der Tuberkuloseherde beitrage. Diese These — heute als „immunostimulatorische Wirkung der Höhenluft” rekonstruiert — war damals nicht direkt beweisbar, lieferte aber den medizinischen Rahmen für die Standortwahl.

Zweitens die kontrollierte Bewegung. Patienten unterlagen einem genau abgestuften Programm zwischen striktem Bett ruhen für die akuten Phasen und einem schrittweise erweiterten Geh- und Wanderprogramm für die rekonvaleszenten Stadien. Brehmer ließ in den Wäldern um Görbersdorf ein System von „Liegekuren-Wegen” anlegen — befestigte Pfade mit regelmäßig angeordneten Bänken, an denen die Patienten anhalten und ruhen sollten. Diese Wege sind in Teilen bis heute erhalten.

Drittens die kontrollierte Ernährung. Hochkalorische, eiweißreiche Kost zur Gewichtsstabilisierung, mit detaillierten Tagesplänen, die für die einzelnen Stadien der Erkrankung differenziert waren. Die Sanatoriums-Küche wurde zu einem zentralen Operationsraum mit eigener Bäckerei, eigener Schlachterei und einem strikten Hygiene-Regime.

Viertens die regelmäßige Hygiene. Brehmer führte tägliche Waschungen, regelmäßiges Bettwäsche-Wechseln, kontrollierte Lüftung der Krankenzimmer und — was 1854 keineswegs selbstverständlich war — getrennte Speisesäle für Patienten unterschiedlicher Krankheitsstadien ein. Dass dies die Übertragung des damals noch unbekannten Erregers tatsächlich reduzierte, ist eine retrospektive Einsicht; Brehmer begründete die Maßnahmen mit miasmatischen und konstitutionellen Argumenten.

Die architektonische Erfindung — Liegehallen und südseitige Erschließung

Brehmers Hauptgebäude wurde nach Plänen eines örtlichen Architekten errichtet, dessen Name in den überlieferten Akten der schlesischen Bauverwaltung als „Edwin Oppler” verzeichnet ist — ob es sich um den später als Synagogenarchitekten bekannten Edwin Oppler (1831–1880) handelt, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Der Bau folgte einer typologischen Konzeption, die in der Krankenhausgeschichte neu war: ein längsgestrecktes, viergeschossiges Hauptgebäude mit nach Süden orientierten Patientenzimmern, einem zentralen Speisesaal und vor allem den charakteristischen offenen Liegehallen, in denen Patienten in Decken eingehüllt auch im Winter die kalte, klare Luft des Höhenklimas ausgesetzt waren.

Diese Liegehallen — auf französisch galerie de cure, auf englisch cure veranda — wurden zum architektonischen Code des Sanatoriums weltweit. Sie tauchen in den Davoser Bauten Alexander Spenglers (1827–1901) ab den 1860er-Jahren auf, in den Schwarzwälder Anlagen in Sankt Blasien und Königsfeld in den 1880er-Jahren und schließlich, paradigmatisch durchgearbeitet, in Alvar Aaltos (1898–1976) Sanatorium Paimio (1929–1933) in Finnland — einem Bau, der die Liegehalle vom additiven Bauteil zu einem integralen Erschließungsprinzip des gesamten Bauwerks weiterentwickelte.

Spengler und Davos — die zweite Welle

Die internationale Ausbreitung des Sanatoriums-Modells führte über Davos im Schweizer Kanton Graubünden. Alexander Spengler, ein deutscher politischer Emigrant der 1848er-Revolution, war seit 1853 Landschaftsarzt in Davos und hatte unabhängig von Brehmer ähnliche Beobachtungen zur Höhenluft und ihrer therapeutischen Wirkung gemacht. Spenglers entscheidende Tat war nicht die medizinische Theorie — die er von Brehmer übernahm und in Korrespondenz mit Görbersdorf weiterentwickelte —, sondern die institutionelle und touristische Erschließung Davos’ als Sanatoriums-Standort.

Zwischen 1860 und 1890 entstanden in Davos über zwanzig Sanatorien, darunter das „Schatzalp” (1900) und das „Waldhotel Bellevue” — Bauten, die Thomas Mann (1875–1955) auf seinem Davos-Besuch 1912 zu „Der Zauberberg” (1924) inspirierten. Manns Roman ist zu Recht als „literarische Anthropologie” des Sanatoriums gelesen worden, doch was er beschreibt, ist nicht das Brehmersche Modell der Frühphase, sondern die spätere, kommerziell ausgereifte Form, in der die Heilanstalt sich zur Gesellschafts-Institution gewandelt hatte.

Die Schüler — Peter Dettweiler und der Schwarzwald

Brehmers wichtigster medizinischer Schüler war Peter Dettweiler (1837–1904), der 1876 in Falkenstein im Taunus die zweite große deutsche Heilanstalt für Lungenkranke gründete und das Brehmersche Konzept präzisierte, insbesondere durch die strikte Liegekur als selbständiges Therapieelement. Dettweilers Aufsatz „Die Behandlung der Lungenschwindsucht in geschlossenen Heilanstalten” (1880) wurde zur theoretischen Grundlage der zweiten deutschen Sanatoriums-Generation.

Im Schwarzwald entstanden in der Folge die Sanatorien Sankt Blasien (1881), Nordrach (1888) und Königsfeld, in der Lüneburger Heide das Sanatorium Friedrichsheim, in den bayerischen Voralpen mehrere Anlagen — eine Welle von etwa 65 Sanatoriums-Gründungen zwischen 1880 und 1914 in den deutschen Mittelgebirgs- und Hochgebirgsregionen.

Welt-Ausbreitung — Saranac Lake, Südafrika

Die Welt-Ausbreitung folgte parallelen Pfaden. In den Vereinigten Staaten gründete Edward Livingston Trudeau (1848–1915) 1885 in Saranac Lake im Bundesstaat New York das „Adirondack Cottage Sanitarium” nach explizit brehmerschem Vorbild. Trudeau hatte Brehmer 1882 in Görbersdorf besucht. In Südafrika entstanden in den 1890er-Jahren mehrere Höhensanatorien in der Region um Johannesburg, die das Brehmersche Konzept an die südafrikanischen Klimabedingungen anpassten.

Die Quellenarbeit — Görbersdorfer Bibliothek

Die heutigen Restaurierungsarbeiten in Sokołowsko haben den Zugang zu den historischen Kuranstalts-Archiven wieder ermöglicht. Die Görbersdorfer Bibliothek umfasste in der Endphase um 1939 etwa 14.000 Bände, darunter eine vollständige Korrespondenzsammlung Brehmers mit Spengler, Trudeau, Dettweiler und Schönlein. Etwa 8.000 dieser Bände sind den Kriegs- und Nachkriegszerstörungen entgangen und befinden sich heute teilweise in Sokołowsko, teilweise in der Wrocławer Universitätsbibliothek.

Die Sichtung dieser Bestände durch ein deutsch-polnisches Forschungsprojekt der Universitäten Wrocław und Greifswald läuft seit 2022 und wird voraussichtlich 2027 in einem Quellenband publiziert werden — der erste vollständige medizinhistorische Zugriff auf den Görbersdorfer Bestand seit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945/46.

Was vom Sanatorium bleibt

Hermann Brehmer starb am 28. Dezember 1889 in Görbersdorf, drei Jahre nach Robert Kochs Tuberkulin-Vorstellung, die die medizinische Welt zunächst in Aufregung und dann in Ernüchterung versetzt hatte. Er erlebte nicht mehr, dass seine Heilanstalt sich zu einem internationalen Modell entwickelte, dessen Echo bis in die Sanatorien des frühen 20. Jahrhunderts und bis in den finnischen Funktionalismus Aaltos reichte. Er erlebte auch nicht, dass die antibiotische Tuberkulose-Therapie ab den 1940er-Jahren die Sanatoriums-Form weitgehend obsolet machte.

Was bleibt, ist eine Institutionen-Form, die in ihrer Verbindung von Klima, Bewegung, Ernährung, Hygiene und sozialer Strukturierung einer Patientengemeinschaft tiefere Wirkungen entfaltete, als ihre engere therapeutische Indikation vermuten ließ. Die heutige Reha-Klinik, das heutige Heilbad, das heutige Mutter-Kind-Kurhaus — sie sind alle, wenn auch über vielfache Vermittlungen, Nachfahren des Görbersdorfer Modells.

Das Restaurierungsgerüst, das seit 2019 um den Brehmer-Bau steht, wird voraussichtlich 2028 abgenommen. Was dann sichtbar wird, ist nicht nur ein restauriertes Hauptgebäude — sondern ein Erinnerungsort einer Erfindung, deren Bedeutung weit über das niederschlesische Tal hinaus reicht.


Ressort: Geschichte §